Kurs 7 · Rechtsregeln
Kein Schaden und keine Schädigung
قَاعِدَةُ: لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ
Die vierte große Regel ist selbst ein Hadith: Niemand darf einem anderen Schaden zufügen, weder von sich aus noch als Vergeltung. Ihre Bedeutung umfasst drei Dinge: Schaden gar nicht erst anrichten, drohenden Schaden abwenden und eingetretenen Schaden beseitigen. Sechs Unterregeln zeigen, wie man vorgeht, wenn sich Schaden nicht ganz vermeiden lässt – vor allem, wenn zwei Übel gegeneinander stehen.
- 1إِزَالَةُ الضَّرَرِ ابْتِدَاءً وَمُقَابَلَةًKein Schaden – weder von sich aus noch als Gegenschlag
- 2دَفْعُهُ قَبْلَ وُقُوعِهِIhn abwenden, bevor er eintritt
- 3رَفْعُهُ بَعْدَ وُقُوعِهِIhn beseitigen, nachdem er eingetreten ist
- 4الضَّرَرُ يُزَالُSchaden wird beseitigtالْحَجْرُ عَلَى الْمُفْلِسِ
- 5الضَّرَرُ يُدْفَعُ بِقَدْرِ الْإِمْكَانِSchaden wird abgewehrt, so weit es gehtمَنْ وَجَدَ مَتَاعَهُ عِنْدَ مَنْ أَفْلَسَ
- 6الضَّرَرُ لَا يُزَالُ بِمِثْلِهِSchaden wird nicht durch gleichen Schaden beseitigtمَنْ أُكْرِهَ عَلَى قَتْلِ مُسْلِمٍ
- 7الضَّرَرُ الْأَشَدُّ يُزَالُ بِالضَّرَرِ الْأَخَفِّDer schwerere Schaden weicht dem leichterenصَلَاةُ الْعَارِي جَالِسًا
- 8إِذَا تَعَارَضَتْ مَفْسَدَتَانِ رُوعِيَ أَعْظَمُهُمَا بِارْتِكَابِ أَخَفِّهِمَاBei zwei Übeln wählt man das kleinere, um das größere zu meidenالسُّكُوتُ عَنِ الْمُنْكَرِ إِذَا كَانَ يَتَرَتَّبُ عَلَى إِنْكَارِهِ مُنْكَرٌ أَشَدُّ
- 9دَرْءُ الْمَفَاسِدِ أَوْلَى مِنْ جَلْبِ الْمَصَالِحِSchaden abwenden geht vor Nutzen erlangenتَرْكُ الْمُبَالَغَةِ فِي الْمَضْمَضَةِ لِلصَّائِمِ
Die Begriffe
„Ḍarar“ ist der Schaden, den man von sich aus anrichtet; „Ḍirār“ der Schaden als Antwort auf erlittenen Schaden. Beides ist verboten – Unrecht wird über Gericht und Recht geklärt, nicht durch Rache.
Übersteigen die Schulden das Vermögen, sperrt der Richter dem Schuldner das Verfügen über sein Geld, damit die Gläubiger nicht leer ausgehen. So wird ihr Schaden beseitigt.
Wer etwas verkauft hat und es unverändert beim bankrotten Käufer findet, darf es zurücknehmen, statt sich mit den anderen Gläubigern zu teilen. Damit wird sein Schaden so weit wie möglich abgewehrt.
Wer nichts zum Bedecken hat, betet im Sitzen. Das Stehen aufzugeben ist der leichtere Schaden; die Blöße noch mehr zu zeigen, wäre der schwerere.
Beim Fastenden wäre das gründliche Mundausspülen eigentlich Sunna (Nutzen), birgt aber die Gefahr, dass Wasser in den Hals gelangt (Übel). Darum lässt er das Übertreiben.
Die Belege
Die Regel selbst
«لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ»
„Kein Schaden und keine Schädigung.“
ابن ماجه
Schaden wird beseitigt – aber nie durch gleichen Schaden, und wenn es sein muss, durch den kleineren.
Prüfe dich selbst
6 Fragen zu diesem Blatt. Nichts wird gespeichert.
1. Was ist der Unterschied zwischen ضَرَرٌ und ضِرَارٌ?
2. Welche drei Dinge umfasst die Bedeutung der Regel laut Blatt?
3. Jemand wird gezwungen, einen Muslim zu töten. Welche Regel nennt das Heft dazu?
4. Zu welcher Regel gehört das Heft-Beispiel صَلَاةُ الْعَارِي جَالِسًا (der Unbekleidete betet im Sitzen)?
5. Ein Fastender lässt das übertriebene Mundausspülen. Welche Regel steht dahinter?
6. Wo ist der Hadith «لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ» laut Blatt überliefert?
Für den Unterricht
- Die sechs Unterregeln als Treppe zeigen: beseitigen → so weit es geht → nicht durch Gleiches → schwerer gegen leichter → zwei Übel abwägen → Übel meiden vor Nutzen.
- Zum Gezwungenen: Wer gezwungen wird, einen Muslim zu töten, darf es nicht tun – sein Leben ist nicht mehr wert als das des anderen. Darum wird Schaden nicht durch gleichen Schaden beseitigt.
- Das Beispiel zum Schweigen über Unrecht sorgfältig erklären: Man schweigt nur, wenn das Einschreiten nachweislich zu noch größerem Unrecht führt – nicht aus Bequemlichkeit.
- Die Erklärungen der Beispiele sind eigene Ausführungen; das Heft nennt jeweils nur das Stichwort in eckigen Klammern.
Nach dem Programm des معهد الإمام البهوتي, القواعد الفقهية, S. 16