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Kurs 1 · Einführung in den Fiqh

Madhhab folgen – worüber alle einig sind

مَحَلُّ الِاتِّفَاقِ فِي مَسْأَلَةِ التَّمَذْهُبِ


Kaum ein Thema wird in deutschen Moscheen hitziger besprochen als die Frage, ob man einer Rechtsschule folgen darf oder muss. Bevor man über den Streitpunkt redet, lohnt sich der Blick auf das, worüber **keiner** streitet – und das ist überraschend viel. Fünf Punkte, die alle Gelehrten teilen.

مَحَلُّ الِاتِّفَاقِ فِي مَسْأَلَةِ التَّمَذْهُبِ
Worüber Einigkeit besteht
fünf Punkte
ذَمُّ التَّعَصُّبِ
Fanatismus ist verwerflich
die eigenen Leute lieben und die Anhänger der anderen Schulen befeinden – darin sind sich alle einig, dass es falsch ist
قَبُولُ وُجُودِ الْمَذَاهِبِ الْأَرْبَعَةِ
Die vier Schulen haben ihr Recht
niemand ruft dazu auf, sie abzuschaffen und ihre Bücher liegen zu lassen
مُخَالَفَةُ الْإِمَامِ لِمَنْ بَلَغَ رُتْبَةَ الِاجْتِهَادِ
Wer die Stufe des eigenen Urteilens erreicht, darf seinem Imam widersprechen
so wie Abū Yūsuf dem Abū Ḥanīfa, und Ibn ʿAbd al-Barr dem Mālik – und das gilt als gut
التَّمَذْهُبُ بِمَعْنَى التَّخَرُّجِ عَلَى مَدْرَسَةٍ فِقْهِيَّةٍ
Bei einer Schule in die Lehre gehen
Fiqh und Methodenlehre ordentlich lernen, dabei auf den Beleg achten und das Stärkere suchen
الْأَخْذُ بِقَوْلِ الْإِمَامِ مَعَ الْقَنَاعَةِ بِرُجْحَانِهِ
Der Meinung des Imams folgen, weil man sie für die stärkere hält
nachdem man die Belege der verschiedenen Aussagen angesehen hat

Die Begriffe

تَمَذْهُبٌ
Einer Schule folgen

Sich in Fragen des Fiqh nach einer der Rechtsschulen richten. Das Wort trägt zwei sehr verschiedene Bedeutungen: bei einer Schule lernen – oder blind alles übernehmen, was sie sagt. Der Streit betrifft die zweite, nicht die erste.

تَعَصُّبٌ
Fanatismus

Die eigene Schule aus Zugehörigkeit verteidigen und die anderen befeinden. Das ist etwas anderes als Zugehörigkeit selbst: Sich zu einer Schule zu zählen ist erlaubt, sie über die Wahrheit zu stellen nicht.

رُتْبَةُ الِاجْتِهَادِ
Die Stufe des eigenen Urteilens

Wer die Belege, die Methodenlehre und die arabische Sprache so beherrscht, dass er selbst ableiten kann. Wer sie nicht erreicht hat, fragt – das ist keine Schande, sondern der Normalfall.

Die Belege

  • Wer nicht selbst urteilen kann, fragt

    ﴿فَاسْأَلُوا أَهْلَ الذِّكْرِ إِنْ كُنْتُمْ لَا تَعْلَمُونَ﴾

    „So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst.“

    النحل ٤٣

Sich zu einer Schule zu zählen ist erlaubt – für sie zu kämpfen, als wäre sie die Wahrheit selbst, ist verwerflich.

Prüfe dich selbst

5 Fragen zu diesem Blatt. Nichts wird gespeichert.

  1. 1. Wie viele Punkte nennt das Blatt, über die alle Gelehrten beim Thema Madhhab einig sind?

  2. 2. Was bedeutet تَعَصُّبٌ?

  3. 3. Was gilt laut Blatt für jemanden, der رُتْبَةُ الِاجْتِهَادِ erreicht hat?

  4. 4. Welche zwei Bedeutungen trägt das Wort تَمَذْهُبٌ laut Blatt?

  5. 5. Welcher Vers zeigt, dass wer nicht selbst urteilen kann, fragen soll?

Für den Unterricht

  • Mit diesem Blatt anfangen, bevor du über den Streitpunkt redest: Wenn die Leute sehen, wie viel Einigkeit es gibt, kühlt die Debatte von selbst ab.
  • Das Beispiel Abū Yūsuf ↔ Abū Ḥanīfa nennen: Ein Schüler widerspricht seinem Lehrer – und beide gelten weiter als Imame.
  • Deutlich sagen: Wer fragt, statt selbst abzuleiten, folgt damit einem Qur'anbefehl. Das nimmt vielen den Druck.

Nach dem Programm des معهد الإمام البهوتي, المدخل إلى الفقه الإسلامي, S. 95